Denklichter

Das wiedergefundene Licht

0301.04

cover

von Jacques Lusseyran

Jacques Lusseyran schildert in diesem Buch auf ergreifende Weise, wie er seine Blindheit überwindet, anders "sehen" lernt und als Jugendlicher für die Erwachsenen - wie er Opfer des Nazi-Regimes - zu einem Quell der Zuversicht wird. Bei Amazon.de kaufen!

 

Auszug Das Märchen der Kindheit In meiner Erinnerung beginnt meine Geschichte immer wie ein Märchen, nicht wie ein ungewöhnliches, doch immerhin wie ein Märchen. Es war einmal ein kleiner glücklicher Junge, der lebte zwischen den zwei Weltkriegen in Paris. Dieser kleine Junge war ich, und wenn ich heute, von der Mitte des Lebens, auf ihn zurückblicke, bin ich sehr verwundert; eine glückliche Kindheit ist so selten, so wenig nach Art unserer Tage, daß man sie kaum für wahr halten möchte. Doch warum sollte ich das klare Wasser meiner Kindheit zu trüben versuchen? Das wäre der Gipfel der Einfalt. Geboren bin ich 1924, am Mittag des 19.September, im malerischen Kern von Paris: auf dem Montmartre, zwischen Place Blanche und Moulin Rouge. In einem bescheidenen Haus aus dem 19.Jahrhundert erblickte ich das Licht der Welt, in einem Zimmer, das auf den Hof hinunter sah. Meine Eltern waren für mich vollkommen. Mein Vater, der eine Hochschule für Physik und Chemie absolviert hatte und von Beruf Chemie-Ingenieur war, war ebenso intelligent wie gütig. Meine Mutter, die Physik und Biologie studiert hatte, war ganz Aufopferung und Verständnis. Beide waren mir gegenüber großzügig und aufmerksam. Aber wozu spreche ich davon? Der kleine Junge von damals wurde dessen nicht gewahr. Er gab seinen Eltern keine Qualitäten. Er dachte nicht einmal über sie nach. Er hatte es nicht nötig, über sie nachzudenken. Seine Eltern liebten ihn, und er liebte sie. Das war ein Geschenk des Himmels. Meine Eltern - das war Schutz, Vertrauen, Wärme. Wenn ich an meine Kindheit denke, spüre ich noch heute das Gefühl der Wärme über mir, hinter mir und um mich, dieses wunderbare Gefühl, noch nicht auf eigene Rechnung zu leben, sondern sich ganz, mit Leib und Seele, auf andere zu stützen, welche einem die Last abnehmen. Meine Eltern trugen mich auf Händen, und das ist wohl der Grund, warum ich in meiner ganzen Kindheit niemals den Boden berührte. Ich konnte weggehen, konnte zurückkommen; die Dinge hatten kein Gewicht und hafteten nicht an mir —

 

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