Denklichter

Lüge oder Wahrheit - oder - mit welchen Mitteln zum Ziel?

0102.06

Nachdem ich letztens "Der Kaiser und sein Attentäter" im Fernsehen gesehen hatte, stellte sich mir wieder wie auch bei "Hero" die folgende Frage: Welche Mittel rechtfertigt ein bestimmtes Ziel. Rechtfertigt es sie?  Die Situation im Film: China erlebte 500 Jahre permanenten Krieg aus denen 7 Königreiche hervorgingen, die sich auch weiterhin untereinander bekriegten. Einer der Könige eines dieser 7 Königreiche setzte all seine Energie in die Verwirklichung seiner Vision, die Zeit der Kriege zu beenden, die 7 Königreiche zu einem einzigen großen Reich zu einen, Frieden und Wohlstand den Menschen zu bringen und sie durch den Bau der Chinesischen Mauer vor den "wilden" Völkern zu schützen. Es gelang ihm auch, er einte das Reich, baute die Mauer, brachte Frieden und Wohlstand.  Doch um welchen Preis und mit welchen Mitteln ?!

Er wählte die Gewalt, gab seine Liebe auf, ermordete Kinder und indirekt seinen Vater. - Irgendwie ein aktuelles Thema, findet ihr nicht, nicht nur wie z.B. in der amerikanischen Politik. -  Diese ganze Thematik bringt mich zu einer mir noch viel mehr auf den Nägeln brennenden Frage: Wann rechtfertigt eine Situation die Lüge? Nun ich könnte mir schon eine Situation vorstellen: Ich würde 1943 von einem SS-Offizier gefragt werden, ob ich in meinem Haus einen Juden verstecken würde (den ich tatsächlich dort verstecken würde). Ich würde mit nein antworten. Doch das wäre für mich keine Lüge, sondern Notwehr.  Doch nehmen wir mal eine andere Situation: Du würdest beobachten wie die Katze deiner 80jährigen Nachbarin, die diese über alles liebte, auf der Straße von einem Auto überfahren würde. Die Frau würde zu Dir kommen und Dich nach ihrer Katze fragen. Was würdest Du ihr antworten? Würdest Du ihr schonend die Wahrheit vermitteln, oder würdest Du irgendeine Geschichte erfinden, warum diese Katze nun verschwunden sei, wie etwa, dass Du die Katze zusammen mit einem Kater hättest weglaufen sehen?  Würde nicht immer - bei jeder Lüge - ein Zwiespalt sein zwischen dem, was Dein Wesen Dir sagt und dem was Dein Gegenüber Dir vorlügt, und sei es auch noch so für ein "hohes" Ziel, wenn es nicht gerade existenzielle Notwehr wäre?!  Doch wo fängt die Notwehr an und wo hört sie auf?

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6 Kommentare

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Gravatar von Old Harry

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Am 02. Februar 2006 um 20:12

Zu deinem beispiel mit dem ss-offizier hätte ich eine frage: was würdest du dem braunen mann antworten, wenn du wüsstest, dass er weiss, das du einem juden unterschlupf gewährst; wenn du mithin wüsstest, dass seine frage eine ‘fangfrage’ darstellt?

würdest du weiter lügen im sinne einer notwehr?
oder würdest du den juden verraten? irgendwie dann auch im sinne einer notwehr…

2
Gravatar von Sonnenvogel

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Am 02. Februar 2006 um 20:13

Wenn ich wüsste, dass er wüsste wen ich verberge, und er eine Fangfrage stellen würde, dann wäre es so oder so zu spät für eine Notwehr-"Lüge", denn er will mich ja fangen: Sage ich die Wahrheit, dass ich jemanden verberge, dann wäre ich dran, sage ich, dass ich niemanden verberge, wäre ich ebenso dran - also was nun?
Zudem ist es natürlich sehr theoretisch solch eine komplexe Situation mit "was-wäre-wenn"-Spielen zu durchdenken.
Aber: Wenn nun also eh schon alles zu spät wäre, wozu dann noch eine Notwehr-"Lüge" - dann kann ich auch gleich bei der Wahrheit bleiben.
Die Situation könnte natürlich auch einen ganz anderen Verlauf nehmen: Ich bestreite es jemanden zu verbergen und es wird für den SS-Mann zu einer für ihn sich so zeigenden Wahrheit - und er kann sich gar nicht mehr entsinnen, warum er eigentlich gefragt hat. Aber das wäre ja Spekulation, gell?!
Wie war noch der Ausspruch in "Der Name der Rose" sinngemäß?: "Der Unterschied zwischen einer Tragödie und einer Komödie ist der, dass man in der Kömmödie den Ausweg sieht, der in der Tragödie in der Darstellung der katastrophalen Ausweglosigkeiten verborgen bleibt."

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Gravatar von Tobias

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Am 02. Februar 2006 um 20:15

Ich persönlich tue mir grundsätzlich sehr schwer mit dem Lügen. Das liegt wohl an meiner Erziehung. Als Kind habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sowieso raus kommt, wenn ich lüge. Da bin ich ein paar mal ganz heftig auf die Schnautze geflogen und seitdem bin ich sehr darauf bedacht, meine Worte wenigstens so zu wählen, dass ich mir hinterher nicht vorwerfen lassen muss, dass ich gelogen habe.

Axels Beispiel mit dem SS-Soldaten ist natürlich sehr "speziell", und wie ich in der damaligen Zeit antworten würde, kann ich aus heutiger Sicht schlecht sagen. Damals mussten sehr viele Menschen ihre eigene Haut retten, und ich kann es wirklich schlecht sagen, wie ich gehandelt hätte. In einer ähnlichen Situation heute würde ich auf so eine Frage vielleicht so etwas antworten wie "Nicht dass ich wüsste!" - denn ob das wirklich ein Jude ist, der dort zu Besuch ist, kann ich ja nicht 100% wissen. Vielleicht ist er ja gar keiner? So könnte ich das immer rechtfertigen, und eine Lüge ist das ja nicht direkt… aber wie gesagt, das ist ein sehr spezielles Beispiel.

Dazu sollte man sich vielleicht einmal in Erinnerung rufen, was eine Lüge denn genau ist: wider besseren Wissens die Unwahrheit sagen - also wenn ich weiß, dass das, was ich sage, nicht der Wahrheit entspricht. Würde ich sagen: "Ich heiße Friedrich, bin 43 Jahre alt und lebe in Spanien" wäre das zum Beispiel eine Lüge, die aber auch schnell als solche entlarvt werden würde wink Wenn ich aber die Unwahrheit sage, weil ich es nunmal nicht besser weiß, ist dies keine Lüge, sondern ein Irrtum.

Zu Axels Frage, ab wann eine Lüge gerechtfertigt ist, habe ich auch keine konkrete Antwort. Ich möchte nicht abstreiten, dass es Situationen gibt, in denen man bewusst lügt, und dies auch immer vor sich und dem, den man anlügt zu einem späteren Zeitpunkt rechtfertigen kann. Schwierig wird es in solchen Fällen dann, wenn eine Lüge die nächste ergibt, und man immer weiter lügen muss, um die vorherige Lüge zu "decken". Kommt die Wahrheit eines Tages ans Licht, kann natürlich derjenige, der gelogen hat, versuchen, zu erklären, warum er gelogen hat und darauf hoffen, dass derjenige, der angelogen wurde, das versteht und die Motive nachvollziehen kann. Dennoch - mir persönlich würde dabei immer ein schaler Nachgeschmack bleiben, weil ich ja nicht weiß, ob derjenige beim nächsten Mal die Wahrheit sagt, oder ob dies wieder eine dieser "Notlügen" ist, bei der sich später herausstellen würde, was nun tatsächlich wahr ist. Ich würde dann immer denken "wer weiß, ob das jetzt stimmt was der gesagt hat, oder ob es nicht völlig anders ist!".

Ich selber habe mir angewöhnt, möglichst ehrlich mit mir und meinen Mitmenschen umzugehen (auch wenn es vielleicht weh tut), weil ich dann selber immer viel gelassener sein kann und mir nicht insgeheim Sorgen machen muss, dass ich einer (falschen) Aussage von früher widerspreche. Das kann natürlich trotzdem vorkommen, aber dann würde ich dennoch ganz gelassen sein können, denn ich wäre mir sicher, dass ich damals nicht gelogen habe und sich vielleicht u.U. die Umstände oder mein Kenntnisstand geändert haben und dadurch der Wahrheitsgehalt der Aussage von früher nicht mehr derselbe ist wie heute.

Das wäre erstmal alles, was mir dazu einfällt…

4
Gravatar von Old Harry

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Am 02. Februar 2006 um 20:20

in der tat ist das beispiel mit dem ss-offizier ein sehr spezielles. und zwar darum, weil selbstschutz durchaus als verständliches - wenn auch nicht ehrenwertes - motiv für eine lüge verstanden wird.
in der schweiz gab es vor einigen jahren eine breitangelegte debatte über die rolle der schweiz während des zweiten weltkrieges und ihr verhalten den jüdischen flüchtlingen gegenüber. es wurden staatliche ‘wahrheitsfindungskommisionen’ eingesetzt, die tonnen von akten durchforschten, um so in erfahrung zu bringen, was längst klar war: die schweiz hatte damals ihre humanitären pflichten arg vernachlässigt. jüdische flüchtlinge wurden erst in lagern in der schweiz interniert, später gar nicht mehr aufgenommen, jüdische vermögen wurden von schweizer banken eingefroren und später (da viele ihrer besitzer in kz’s getötet worden waren) als so genannte nachrichtenlose vermögen deklariert.

dem viel gehörten vorwurf, die schweiz hätte sich damals humaner verhalten müssen, würde auch ich mich gerne anschliessen. allerdings ist es schwer vorstellbar, wie man angesichts der damaligen politischen lage tatsächlich gehandelt hätte: die schweiz, in mitteleuropa das einzige noch freie land, im norden das deutsche reich, im osten das angeschlossene österreich, im süden die achsenmacht italien und im westen das besetzte frankreich.

und hier nun kommt die eigentliche lüge, wenn es denn eine ist: die schändliche tat rechtfertigt sich durch die notwendigkeit. man konnte nicht anders, als so zu handeln. ist dies nun eine lüge? und wenn ja, ist es eine vertretbare?

demgegenüber stehen die lügen im alltag. und lügen tut vermutlich jeder, auch der tobias… . auf die frage eines entfernten bekannten, wie’s mir geht, werd ich - auch wenn’s so wäre - kaum antworten: "schlecht".
und fragen und floskeln wie "wie seh ich aus?", "das kleid steht dir gut", "hast du abgenommen?" kennt und benutzt wohl jeder ab und an.
vermutlich ist lügen dann statthaft, wenn die wahrheit einen grösseren schaden anrichten würde als die lüge.
so gehört lügen vermutlich zum fundus aus welchem wir uns bedienen, um den ‘sozialen frieden’ aufrecht zu erhalten… .

aber auch hier gilt: das ist ein weites feld mit vielen regeln und noch mehr ausnahmen.

5
Gravatar von Sonnenvogel

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Am 02. Februar 2006 um 20:31

<blockquote>Zitat von old harry… auf die frage eines entfernten bekannten, wie’s mir geht, werd ich - auch wenn’s so wäre - kaum antworten: "schlecht". ...</blockquote>

Warum nicht? Wenn es Dir wirklich schlecht geht? Wäre doch eine Gelegenheit für ihn zu zeigen ob er ein nährer Bekannter werden möchte. Aber vielleicht willst Du ja gar nicht, dass er weiter nachfragt. Denn potentiell liegt ja bei so einer Antwort immer die Frage nach dem Grund des sich-schlecht-fühlens in der Luft! Na ja, ist bitte nicht als Unterstellung gemeint. Ich für meinen Teil nutze solch eine Frage immer / meistens dafür, einmal nachzuspüren, wie es mir denn tatsächlich in diesem Moment geht.

<blockquote>Zitat von old harry
... vermutlich ist lügen dann statthaft, wenn die wahrheit einen grösseren schaden anrichten würde als die lüge. ...</blockquote>

das sehe ich genauso.  - wenn man es den überblicken kann, das dem so ist.

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